Den Finger am Puls der Zeit

Sie amten im Geschäft ihrer Väter und Vorfahren, kultivieren und modernisieren dabei die Tradition: Mimi Mollerus, Annemarie Widmer und Peter Patrik Roth können mit Stolz auf die Geschichte ihrer Betriebe zurückschauen, richten den Blick aber zugleich nach vorne.

Man muss sich das bildlich vorstellen: Wenn sich das Jetzt zu sehr ins Damals zurücklehnt, nach hinten, verliert es die Zukunft aus den Augen. Logisch. Dann wandert der Blick hoch und zurück, wird vieles verklärt und verehrt, was früher mal (besser) war. Damit wir uns richtig verstehen: Nostalgie hat ihre Berechtigung, Tradition erst recht. Aber auf eine intensive Rückwärtsbeuge, das weiss jeder Yogi, sollte eine Vorwärtsbeuge folgen. Zum Ausgleich. Also ausatmen jetzt. Den Blick zum Boden. Die Frage: Wo stehe ich überhaupt? Den Blick nach vorne: Was kommt da auf mich zu? Und wichtiger noch: Wo will ich eigentlich hin?

Mimi, Annemarie und Peter Patrik beherrschen das Wechselspiel. Sie kennen den Wert des Wohers, der Geschichte. Aber sie wissen auch, wie wichtig es ist, im Hier und Jetzt zu stehen, dabei an die Zukunft zu denken. Den dreien gelingt es auf ihre je eigene Art, ein traditionelles Familienunternehmen jung zu halten, modern, aufgeschlossen, innovativ, erfolgreich. Bei Mimi Mollerus ist der Vater der Gründer des Unternehmens. Ihre Aufgabe ist es, die Handtaschen und Lederwaren, die es produziert, in die Zukunft zu tragen. Bei Peter Patrik Roth reicht die Firmengeschichte noch viel weiter zurück. Seine Familie stellt seit 1748 Matratzen her. Das Kapitel, das Peter Patrik Roth aufschlägt, ist eines, das für «Öffnung gegen aussen» steht. Bei Annemarie Widmer haben Vater und Grossvater gemeinsam den Grundstein gelegt. Ihre Produkte pflegen die Haut – Annemarie auch die Tradition. Aber sie bewahrt nicht nur, sie erweitert zugleich, krempelt um, hat den Finger am Puls der Zeit.


Mimi Mollerus, Geschäftsinhaberin und Modemensch

«Man sollte der Tradition treu bleiben, Dinge, die gut funktionieren, nicht zwingend ändern – sondern einfach neue, innovative Ansätze reinbringen. Mit dem Zeitgeist gehen.»

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Das Geheimnis von Mirija (Mimi) Mollerus kann und soll hier nicht gänzlich gelüftet werden – aber ein paar Dinge packt die Chefin aus. Aus ihrer Tasche, notabene. Eine von Hand geführte Agenda zum Beispiel. Mimi lacht: «Ich habe versucht, auf eine elektronische umzusteigen. Es geht nicht. Ich muss die Dinge von Hand aufschreiben, um sie zu fühlen, zu speichern.» Noch unerwarteter ist der Schmetterling, den sie ans Tageslicht bringt: ein hölzernes Puzzle-Teil. «Von meinem Sohn. Der ist drei und schmuggelt mir immer mal wieder was in die Handtasche. Diese Sachen, sagt er, sollen auf mich aufpassen.»

Fürsorge. Die erfolgreiche Unternehmerin sieht nicht aus, als ob sie den Schutz eines Schmetterlings nötig hätte. Sie ist gross, attraktiv, wirkt voller Tatkraft, Energie. Doch auch ein Schutz, der nicht sein muss, kann Wunder wirken. Zumal dann, wenn der Zauber vom Sprössling kommt. Auf ihre zwei Kinder ist Mimi sehr stolz, in Handtasche und Herz klar ersichtlich: Die Unternehmerin ist liebend gern Mutter. Die Mutter auch liebend gern Unternehmerin. «Ganz ehrlich, Kinder muss man gut behüten, aber meiner Meinung nach sollten sie auch erfahren, dass einem nicht alles in den Schoss fällt, dass man hart arbeiten muss.» Gut möglich, dass ihr Beispiel Schule macht: Die Tochter (8) habe jedenfalls schon Kundinnen auf der Strasse angesprochen, auf die Taschen gezeigfingert und verkündet, dass sie dann später mal das Geschäft übernehme.

Als Mimi Mollerus 1999 ihrerseits in das Unternehmen des Vaters einstieg, war sie Mitte 20, hatte in Deutschland eine Lehre zur Industriekauffrau abgeschlossen und in den USA, in Florida, International Business und Marketing studiert. Ein Semester der Ausbildung verbrachte sie in Madrid. Und da, so die wunderbare Anekdote zum Abschluss des Gesprächs, habe prompt mal einer versucht, ihr die Handtasche zu klauen. «Der kam auf seinem Motorrad angerauscht und griff sich die Tasche, riss an ihr. Aber ich habe einfach nicht losgelassen.» Er sei gestürzt. Geflüchtet. Der unglückliche Dieb. Wie hätte der Kerl auch ahnen sollen, dass diese Frau derart kraftvoll festhält: an der Tasche, die auch für die Tradition steht, für ein Familienunternehmen, für eine Herzensangelegenheit.


Annemarie Widmer, Unternehmerin

«Ich nehme alles, was mit dem Geschäft zusammenhängt, sehr persönlich, lasse vieles ganz nah an mich ran. Das ist Teil meines Engagements. Beim Abschalten und Abgrenzen helfen mir mein Mann, unsere Tochter und Yoga.»

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Die Haut von Annemarie Widmer ist sanft gebräunt. Sie erzählt eine Urlaubsgeschichte: «Wir waren eine Woche in Kroatien auf einem Motorboot.» Die Rede ist jetzt vom Wind und von den Wellen, der Familie. «Unsere Tochter war mit dabei. Sie ist erst acht Monate alt, aber das ging unglaublich gut. Die Kleine liebte das monotone Geräusch der Motoren.» Es sei aber, zugegeben, eine Herausforderung gewesen, das Kind im Schatten zu halten. Mein Motto: «Keine Sonne für Julie.» Annemarie zuckt mit der Schulter und lacht. Déformation professionnelle. Viel zu vertraut sind dieser Mama die Bedürfnisse und Bedrohungen der Haut. Das Kind eröffnet ihr eine neue Welt: «Wenn ich bei meiner Tochter bin, bin ich wirklich bei ihr, auch mit meinen Gedanken. Dann studiere ich nicht am Geschäft herum.»

Dabei liebt die Unternehmerin ihre Tätigkeit: «Ich habe eine faszinierende, abwechslungsreiche, aufregende Aufgabe. Ich geniesse, dass ich selber gestalten kann, dass ich das Schiff ‹Louis Widmer› steuern darf.» Mit dieser Wortwahl schaukelt sie noch etwas länger auf See. Und wenn sie über das Geschäft redet, spürt man die (Gestaltungs-)Freiheit im Segel, die Kapitänin in ihr. Dann verrät sie, dass das Unternehmen zugleich Schiff und Hafen sei. Eben auch Landgang und Erde, Nährboden, Wurzeln und Heimat und Halt. Dass sie ins Familiengeschäft einsteigen will, stand für Annemarie schon zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn fest. «Aber mein Vater verlangte, dass ich meine Hörner anderswo abwetze, meine ersten Erfolge ausserhalb sammle. Zuerst war ich masslos enttäuscht. Heute verstehe ich ihn.» Die diplomierte Marketingplanerin sammelte ihre ersten beruflichen Erfahrungen in den Bereichen Kommunikation, Marketing und Verkaufsförderung also in anderen Unternehmen. 2002 wurde sie dann vom Vater ins Boot geholt.

Wir kommen jetzt nochmals auf die Haut zu sprechen und auf Dinge, bei denen Annemarie Widmer Gänsehaut bekommt: «Das können ganz einfache Sachen sein: ein Lied, beispielsweise. Menschliche Schicksalsschläge, die das Leben halt schreibt.» Eine Frau, die nicht nur beruflich mit dem grössten Sinnesorgan des Menschen zu tun hat, sondern sich auch tatsächlich berühren lässt – vom Beruf, der Familie, vom Leben.


Peter Patrik Roth, Geschäftsführer und Gern-Schläfer

«Schon in meiner Kindheit waren die Ferien oft mit Besuchen in Zulieferbetrieben und bei Geschäftspartnern verbunden. Ich fand das nicht langweilig, im Gegenteil. Ich wusste schon immer: Das will ich auch.»

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Wie man sich bettet, so liegt man – oder wie man gebettet wird: Peter Patrik Roth wurde Qualität in die Wiege gelegt. Auf verlebten Sofas oder gar auf dem Fussboden genächtigt hat er deshalb noch nie. «Ich war auch noch nie zelten, nein», sagt er. Und dass für ihn die Matratze, das Duvet, das Kopfkissen sehr wichtig und überaus persönlich seien: «Auf einer gebrauchten Matratze schlafen? Geht nicht. Ausser in Hotels – da darf ich einfach nicht daran denken.» Er lacht, redet weiter. Für ihn ist Schlaf viel mehr als ein Nicht-Wach-Sein. «Wer schläft, kommt zu sich, in sich hinein, verarbeitet den Tag. Ich bin einer, der intensiv lebt, mit dem Tagesgeschehen mitgeht, enthusiastisch ist. Irgendwann ist die Batterie leer.» Dann braucht es den Schlummer. Die Erholung.

Träume und Albträume. Wenn Peter Patrik schläft, kommt es vor, dass seine Beine zementschwer sind. Blockiert. Er geht trotzdem weiter, angelt sich mit seinen Armen irgendwie vorwärts. Und vorwärts. Und vorwärts. In solchen Momenten wird selbst der Schlaf zum Kraftakt. Und dann? Danach? Das Wachsein. Auch der Tag kennt seine Träume: «Ich hätte gerne eine eigene Familie, Kinder. Leider fehlt mir dazu noch die passende Frau.» Das überrascht: Der Mann hat Erfolg, ein sympathisches Auftreten, ein adrettes Äusseres. Nur die grosse Liebe, die lässt auf sich warten. Roth überlegt. «Vielleicht suche ich zu sehr nach etwas, das meine Eltern miteinander hatten.» Die Kindheit war sehr schön, die Familie harmonisch und wichtig. Auch das Unternehmen gehörte dazu. «Mein Vater nahm die Geschäfte mit an den Mittagstisch. Ich fand das sehr spannend, habe viel dabei gelernt.»

Für Peter Patrik war schon als kleiner Junge klar, dass er das Unternehmen irgendwann übernehmen will. Um für die Position gut gerüstet zu sein, studierte an der HSG in St. Gallen Wirtschaft, schrieb seine Diplomarbeit über Generationenwechsel in Familienunternehmen. Seine Lehr- und Wanderjahre verbrachte er im Finanzcontrolling einer Grossbank, im Marketing eines Autoherstellers, dann noch bei einem Zulieferer des Familienunternehmens, in England. 2001 kehrte er zurück, übernahm die Geschicke der Firma – und damit viel Verantwortung. Er will die Vision seiner Ahnen mit Herzblut weiterführen. Sollte sich daneben auch noch der Wunsch nach einer eigenen Familie erfüllen, wäre er wohl ein durch und durch glücklicher Mann. Ein Mann, der dann auch dazu bereit wäre, unbequem draussen in der Natur zu kampieren: «Wenn das der Wunsch meiner Kinder wäre? Ja, dann würde ich das tun.»

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